Autohasser machen Schlagzeilen, die meisten Menschen freuen sich über schöne Autos

26.11.2019
Michael Ziegler fordert mehr staatliche Mittel für die Kfz-Betriebe

v. l. n. r.: Christian Reher, Torsten Treiber, Michael Ziegler und Rafael Treite beim Herbstforum 2019 der Kfz-Innung Region Stuttgart

Die aktuelle Lage in den Autohäusern ist gut. Für die Zukunft des Autos sieht es auch nicht schlecht aus. Das ist zusammengefasst der aktuelle Stand der autobasierten Mobilität in der Region Stuttgart, wie sie Michael Ziegler, der Präsident des Verbands des Kraftfahrzeuggewerbes Baden-Württemberg, und Torsten Treiber, der Obermeister der Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart sehen. Michael Ziegler forderte vor rund 300 Führungskräften und Betriebsinhabern aus den Innungsbetrieben der Region  in der Fellbacher Schwabenlandhalle eine finanzielle Gleichbehandlung des Kfz-Gewerbes mit der Autoindustrie, wenn es jetzt darum gehe, die Elektroautos verstärkt an die Kunden zu bringen: „Es ist nicht damit getan, dass Steuermittel in die Herstellerkassen fließen und sei es über den Umweg der E-Auto-Prämie. Der Wandel zur E-Mobilität muss auch bei uns, in unseren Betrieben, über Förderprogramme zur schnelleren Luftreinhaltung unterstützt werden. Die entscheidende Schnittstelle zum Kunden sind wir.“ Eine Schnittstelle, über die derzeit aber vor allem Verbrenner für ein gutes Verkaufsjahr 2019 sorgen, freute sich Torsten Treiber für die Kolleginnen und Kollegen im Saal: „So wie es aussieht, werden wir im Innungsgebiet im Autojahr 2019 die Zulassungszahlen von 2018 übertreffen.“ Im Kreis Esslingen wurden bis Ende Oktober schon mehr Autos neu zugelassen als im ganzen Vorjahr. Stuttgart und die Kreise Böblingen, Ludwigsburg und Rems-Murr liegen dicht dran. Auch bei den Gebrauchtwagen sei zumindest „eine Punktlandung bei den Zahlen des Vorjahres drin“. Michael Ziegler und Torsten Treiber forderten eine staatliche geförderte flächendeckende Nachrüstung von Euro-5-Dieseln. Geschäftsführer Christian Reher nahm sich das Qualitätsmanagement bei den Prüfmitteln als Beispiel vor, wie Bürokratieabbau möglich wäre: „Kalibrierung oder Eichung – aber keine Doppelprüfung.“

Torsten Treiber packte seine Aussage, dass die Kfz-Betriebe auf sicherer wirtschaftlicher Grundlage stehen, in eine Zahl: „Wir werden beim Fahrzeugbestand, also der Basis unseres Werkstattgeschäfts, wohl bis Ende 2019 einen neuen Höchststand erreichen.“ Allein der Pkw-Bestand in der Region liege bereits jetzt deutlich über 1,65 Millionen. Tendenz bis Jahresende bei der derzeitigen Zulassungsentwicklung weiter steigend. Michael Ziegler wusste am Ende seiner Zustandsbeschreibung zum Thema „Zwischen Autobossen, Autohassern und Autoenthusiasten – worauf hat sich das Kfz-Gewerbe einzustellen?“, auch woran es liegt, dass Autohasser zwar Schlagzeilen machten, aber die Zulassungs- und Bestandszahlen weiter nach oben klettern: „Der Mensch will mobil sein. Individuelle Mobilität ist ein Grundbedürfnis und hat in unserer Gesellschaft einen extrem hohen Wert.“

Der Trabbi, der „Volkswagen der DDR“, diente ihm dabei als Beispiel, was passiert, wenn politisch in die technische Entwicklung eingegriffen wird, weil „die Politik wenig Ahnung von Technik hat“, aber „sich ideologisch sicher ist, die Allwissenheit gepachtet zu haben“. Da musste der Kunde „jahrzehntelang Zweitakt-Gemisch fahren.“  Bezogen auf die aktuelle Lage heißt das bei der Frage Elektro, Wasserstoff oder E-Fuels: „Die Entwicklung muss technologieoffen sein. China hat uns bei der E-Mobilität kurzfristig abgehängt. Bei der Wasserstofftechnologie kann es uns nicht so schnell das Wasser reichen. Hier sind Politik und Hersteller gefordert, die Chancen zu nutzen.“

Wenn die Politik allerdings eingreife, dann dürfe sie das nicht einseitig tun. Bei der jetzt anlaufenden Euro-5-Nachrüstung, seien „Insellösungen falsch“. Die ergeben sich, wenn Stuttgart hohe Schadstoffwerte hat und die Nachrüstung gefördert wird, es aber keine Förderung gibt, wo die Schadstoffwerte niedriger sind: „Es ist an der Zeit, dass die Bundesregierung das Heft in die Hand nimmt und Führung zeigt. Kleinserien bei Nachrüstlösungen können nicht der Weisheit letzter Schluss sein: Wir fordern eine schnelle staatliche Förderung der Nachrüstung von Diesel-Pkw der Schadstoffklasse Euro 5 und einen Wegfall der Insellösungen.“ Was Insellösung heißt, bezifferte Torsten Treiber so: „Der aktuelle Bestand der Euro-5-Diesel in der Stadt lag Stand gestern bei rund 21.000.“ Von denen dürfte es für die Hälfte Nachrüstsätze geben und Förderung von Mercedes und VW. Der Rest geht leer aus.

Unzufrieden ist das Kfz-Gewerbe auch mit dem Vorgehen der Bundesregierung bei der E-Mobilität: Momentan würden die staatlichen Mittel falsch verteilt. Ziegler: „Es ist nicht damit getan, dass Steuermittel in die Herstellerkassen fließen, und sei es über den Umweg der E-Auto-Prämie. Der Wandel zur E-Mobilität muss auch bei uns, in unseren Betrieben, über Förderprogramme zur schnelleren Luftreinhaltung unterstützt werden. Die entscheidende Schnittstelle zum Kunden sind wir. Als Händler, die die Kunden fachgerecht beraten müssen, vor allem aber auch als Servicebetriebe. Wenn Bund und Land Ladesäulen fördern, um die Infrastruktur zu stärken, dann sollen sie auch die Umstellung in den Kfz-Werkstätten fördern, die zusätzliche Technik bereithalten müssen – auch das zählt zur Infrastruktur.“

Dass die Hersteller nicht alles sind, machte er zum einen an der Zahl der Beschäftigten fest: „Das Kfz-Gewerbe beschäftigt 440.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die deutsche Automobilindustrie kommt mit rund 480.000 Beschäftigten nur auf unwesentlich mehr.“ Zum anderen verwies er auf die Erfahrungen mit dem Diesel: „Hersteller stellen, wie der Name schon sagt, Autos her und wollen sie verkaufen. Dann sind die Fahrzeuge aus den Augen, aus dem Sinn, wenn man mal vom Ersatzteilvertrieb absieht. Deswegen tun sich die Hersteller ja auch so schwer mit der Nachrüstung bereits verkaufter Autos. Unsere Kfz-Betriebe aber sorgen dafür, dass diese Autos zehn und mehr Jahre reibungslos funktionieren. Wir sorgen für die vielbeschworene Nachhaltigkeit. Und zwar so erfolgreich, dass der Politik auf Druck der Gerichte beispielweise in Stuttgart nichts anderes übrigblieb, als Fahrverbote für Euro-4-Diesel auszusprechen, um Autos, die noch topfit waren, von der Straße zu bringen.“  

Dass es das Kfz-Gewerbe bei seiner Arbeit wegen bürokratischer Hemmnisse nicht einfach hat, machte Innungsgeschäftsführer Christian Reher in der Talkrunde deutlich. Es sei einzusehen, dass der Staat an die Werkstätten, die staatliche Aufgaben übernähmen, hohe Anforderungen stelle. Aber Doppelbelastung bei der Qualitätssicherung für die Prüfmittel, wie sie jetzt gang und gäbe sei, „geht gar nicht“: „Das Bundesverkehrsministerium verlangt die Kalibrierung, das Landeswirtschaftsministerium verlangt die Eichung. Wir sagen entweder Kalibrierung oder Eichung, wir müssen keine Doppelprüfung machen.“ Dies auch deshalb, weil der Kunde davon keinen Vorteil habe, aber am Ende die doppelten Kosten beispielsweise über die AU-Gebühren bezahle. Torsten Treiber und Christian Reher appellierten dabei an die Betriebe, die AU nicht zu verschleudern, sondern auskömmliche Gebühren zu berechnen.


 
Home » Nachrichten » Autohasser machen Schlagzeilen, die meisten Menschen freuen sich über schöne Autos
Durch das Anklicken des Buttons "Ich stimme zu" erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies und der Datenverarbeitung durch die Webanalyse Piwik einverstanden. Detaillierte Informationen erhalten Sie unter Datenschutz.
Ich stimme zu