Brauchen Euro-4-Diesel überhaupt eine Nachrüstung?

02.01.2019
Diesel-Anarchie: Euro-4-Diesel bewegen sich ab 1. Januar im rechtsfreien Raum

Stuttgart ist ab 1. Januar für alle Euro-4-Diesel gesperrt. Oder doch nicht? Oder zumindest demnächst wieder nicht? Auf Seite 53 des Luftreinhalteplans für Stuttgart steht klar zu lesen: „Ab dem 01.01.2019 gilt ein ganzjähriges Verkehrsverbot in der Umweltzone Stuttgart für alle Kraftfahrzeuge mit Dieselmotoren unterhalb der Abgasnorm Euro 5/V.“ Aber gilt es wirklich? Denn auf Seite 65 heißt es im gleichen Plan: „Auf Bundesebene ist eine gesetzliche Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes in Planung, nach der unter anderem Fahrzeuge der Schadstoffklassen Euro 4 und 5 von Verkehrsverboten ausgenommen sind, soweit diese im praktischen Fahrbetrieb weniger als 270 mg Stickstoffoxide pro km ausstoßen („real driving emissions“). Zudem soll es noch weitere Ausnahmen geben. Sofern diese oder eine entsprechende Gesetzesänderung in Kraft treten wird, sind die genannten Fahrzeuge voraussichtlich kraft Gesetzes von dem ganzjährigen Verkehrsverbot in der Umweltzone Stuttgart (M1) ausgenommen. Einer gesonderten Ausnahme bedarf es daher nicht mehr.“ Für Torsten Treiber, den Obermeister der Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart „grenzt das an Diesel-Anarchie. Der Diesel, für den am 1. Januar Stuttgart verboten ist, kann ein paar Wochen später wieder freie Fahrt haben.“

„Weil dem Bundestag und der Bundesregierung der Winterurlaub wichtiger war als klare Dieselregelungen, haben wir jetzt die Diesel-Anarchie“, kritisiert Torsten Treiber. In der Zusammenfassung: Der Bundesrat hat am 14. Dezember über den Gesetzentwurf der Bundesregierung (Klassifikation „eilbedürftig“) entschieden und der 270 mg/km-Regel zugestimmt. Allerdings hat er auch eine Liste der Euro-4-Diesel gefordert, die den Wert einhalten, denn es bleibe „unklar, wer für die genannten Fahrzeuge Kompatibilitätstest durchführen wird, daher wird die Bundesregierung aufgefordert, zeitgleich mit der Rechtskraft dieses nationalstaatlichen Alleingangs eine Liste der Fahrzeuge vorzulegen, die den Grenzwert von 270 mg/km Stickstoffoxid im Realbetrieb einhalten können.“

Bis 1. Januar wären es da noch ein paar Arbeitstage gewesen. Aber „danach war Sendepause bis sich Verkehrsminister Andreas Scheuer aus dem Urlaub meldete“, sagt Obermeister Torsten Treiber. Botschaft: Der Weg für Nachrüstsysteme werde freigemacht. „Der Witz bei den Euro-4-Dieseln ist allerdings, dass ein Teil womöglich gar keine Nachrüstung braucht“, sagt Innungsgeschäftsführer Christian Reher: „Bei denen wurde nach allem, was wir wissen, keine Schummelsoftware eingesetzt. Für Euro-4-Diesel gilt seit 2005 ein Grenzwert von 250 mg/km, die können also schon kraft Technik und ohne Nachrüstung unter der 270- mg/km-Linie liegen.“

Allerdings ist ja nicht der Prüfstandwert, sondern der Fahrbetriebswert (RDE) der Maßstab: „Da sehen wir trotzdem gute Chancen“, sagt Torsten Treiber und verweist auf das Beispiel eines Skoda Octavia aus dem Jahr 2006 mit einem Prüfstandwert von 164 mg/km NOx. „Es ist aber egal, was wir diskutieren, Fakt ist, der Bundestag ist in Urlaub und die Menschen mit Euro-4 fahren im rechtsfreien Raum.“

Wär’s nicht eine Lösung, den Skoda und andere Diesel mit vergleichbaren Werten einfach auf Euro-5 hoch zu stufen?  Schließlich liegt er ja unter den 180 mg/km, die die Euro-5-Norm vorschreibt? Geht nicht, sagt Edgar Neumann, der Pressesprecher des Landes-Verkehrsministeriums: „… eine Umstufung in eine höhere Abgasnorm („Upgrade“) ist im technischen Regelwerk nicht vorgesehen und somit nicht einfach möglich. Solche Umstufungen gibt es in der Regel nur auf Grundlage spezieller rechtlicher Regelungen zur StVZO, die aus einem bestimmten Grund vom Bundesgesetzgeber eingeführt werden.“ So ein Grund wäre beispielsweise die Nachrüstung eines solchen Diesels. Eventuell wäre ein TÜV-Gutachten speziell fürs Fahrzeug eine Alternative. Das müsste aber jeder selber bezahlen. „Womit wir wieder bei der Liste wären, die wir schon seit Jahren fordern und die der Bundesrat jetzt auch will“, sagt Torsten Treiber. „Schließlich ist es das Mindeste, dass nicht die Dieselfahrenden diese Prüfungen bezahlen, sondern das ist Sache des Bundes. Wenn der mal wieder in die Gänge kommt.“


 
Home » Nachrichten » Brauchen Euro-4-Diesel überhaupt eine Nachrüstung?
Durch das Anklicken des Buttons "Ich stimme zu" erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies und der Datenverarbeitung durch die Webanalyse Piwik einverstanden. Detaillierte Informationen erhalten Sie unter Datenschutz.
Ich stimme zu