Euro-4-Diesel verschwinden und machen immer mehr Euro-6-Diesel-Pkw Platz

23.01.2020
Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart: Bei Euro-5-Diesel läuft Hardwarenachrüstung an

„Stuttgart hat derzeit die modernste Dieselflotte in der Region und vermutlich auch in Deutschland.“ Diesen Schluss zieht Obermeister Torsten Treiber von der Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart aus den aktuellen Bestandszahlen: Mit 62,15 Prozent sind fast zwei Drittel der Pkw in der Stadt in der Schadstoffklassen Euro 6. Angesichts des Urteils des Verwaltungsgerichts Stuttgart vom Dienstag, wonach das Land ein komplettes Verkehrsverbot für Euro-5-Diesel-Pkw in den gerade in der Anhörung befindlichen Luftreinhalteplan aufnehmen muss, sieht Innungsgeschäftsführer Christian Reher den Druck auf die Euro-5-Dieselbesitzenden zur Hardwarenachrüstung wachsen: Insgesamt gab es zum 31.12.2019 in der Region noch rund 145.000 Euro-5-Diesel. In Stuttgart allein etwas über 20.000. „Beide Werte beschreiben das Nachrüstpotenzial, das in der Region vorhanden ist“, sagt er und: „Wir sind gerade dabei, die Region Stuttgart zum Nachrüstungshotspot zu machen.“ Wobei die Nachfrage nach Nachrüstsätzen derzeit höher ist als die Lieferfähigkeit der Nachrüstsatzhersteller: „Bei Mercedes ist die Situation am besten.“

In Stuttgart gibt es noch rund 20.000 Euro-Diesel-Pkw der Schadstoffklasse Euro 5, aber schon fast 51.000 Euro-6-Diesel. Mit deren Anteil von 62,15 Prozent liegt Stuttgart deutlich besser als der Durchschnittswert der Region mit 46 Prozent. Der Rückgang ist regionsweit bei Euro-4-Dieseln am stärksten. Nicht ganz 43.000 Diesel-Pkw, der Schadstoffklassen Euro 4 und schlechter sind 2019 von den Straßen in der Region Stuttgart verschwunden. Dazu nochmal rund 21.000 Euro-5-Diesel. 28.000 dieser 64.000 Pkw wurde durch Euro-6-Diesel ersetzt, dazu sind jetzt 36.000 Benziner zusätzlich im Bestand. Das ergibt die Auswertung der Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes und der Zulassungsstellen in der Region durch die Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart: „Den höchsten Rückgang gibt es erwartungsgemäß mit über 12.000 Pkw mit Dieselmotoren der Schadstoffklasse Euro 4 und schlechter  in Stuttgart“, sagt Christian Reher, Geschäftsführer der Innung. Damit hat sich deren Bestand in zwölf Monaten mehr als halbiert.  

Werden die Euro-4-Diesel-Pkw und die ebenfalls noch vorhandenen Dieselmotoren mit schlechteren Schadstoffklassen zusammengerechnet, sind nach Abgaben der Zulassungsstelle noch rund 10.000 derart angetriebene Pkw vorhanden. Am 1. Januar 2019 waren es laut Kraftfahrt-Bundesamt noch über 22.000. In diesem Restbestand sind rund 5.600 Euro-4-Diesel-Pkw enthalten. „Für alle diese Fahrzeuge herrscht in Stuttgart Verkehrsverbot, wenn sie keine Oldtimer sind oder eine Ausnahmegenehmigung haben. In Stuttgart aber auch in der Region ist der Euro-4-Diesel eine aussterbende Art“, kommentiert Obermeister Torsten Treiber die aktuelle Entwicklung. Setzt sich der derzeitige Rückgang ungebremst fort, „gibt es Ende dieses Jahres nur noch Restexemplare mit H-Kennzeichen.“

Aber auch der Euro-5-Diesel hat nach den aktuellen Zahlen aus seiner Sicht „in der Region nur noch dann eine Überlebenschance, wenn er mit Hardware nachgerüstet wird.“ Zumal für Euro-5-Diesel-Pkw ja nicht nur in Stuttgart, sondern bundesweit auch in anderen Städte Fahrverbote anstehen und „wenn’s dumm läuft beispielsweise auch in Ludwigsburg, da macht die DUH ja auch gerne Schlagzeilen auf Kosten der Dieselbesitzenden, denn die Konzerne treffen die Fahrverbote ja gar nicht.“

Mit rund 145.000 Euro-5-Dieseln im Bestand ist das Nachrüstpotenzial, hoch“, sagt Innungsgeschäftsführer Christian Reher: „Wir bemühen uns gerade, die Region Stuttgart zum Nachrüstungshotspot zu machen.“ Im Moment gilt das vor allem für Mercedes-Fahrzeuge. „Bei denen sind die Bedingungen fast optimal. Der Hersteller bietet 3.000 Euro Zuschuss zu den Nachrüstkosten. Die Innungsbetriebe, die zur Nachrüstung berechtigt sind, bekommen reichlich Kundenanfragen: „Wir haben einen Mitgliedsbetrieb, der berichtet von rund 30 Anfragen täglich, bei denen rund ein Drittel in Aufträge mündet. Das Autohaus hat derzeit mehr Aufträge als Nachrüstsätze angeliefert werden. Ein zweites Autohaus hat 20 Bestellungen und rund 100 Anfragen. Kurz, die Nachfrage nach Nachrüstsätzen übersteigt momentan das Angebot.“ Laut Hersteller Dr. Pley/Bosal wurden bis 15. Januar von 150 ausgelieferten Nachrüstsätzen allen 40 an das oben angesprochene Autohaus geliefert, „deswegen können wir auch von Hotspot sprechen“, sagt Christian Reher.

Obermeister Torsten Treiber hat derweil die zweite Gruppe im Auge, die Nachrüstzuschüsse bekommen können, sprich Menschen mit Fahrzeugen des VW-Konzerns. Und die, die bisher leer ausgehen: „Unsere Innung hat alle anderen Hersteller von Nachrüstsätzen abgefragt, da unsere Innungsbetriebe mit AU-Befähigung ein großes Interesse daran haben, in die Nachrüstung einbezogen zu werden. Insbesondere die VW-Betriebe haben Anfrage von Kunden. Den Rückmeldungen der Nachrüst-Herstellern nach wird es aber noch weitere Wartezeiten geben: Die Firma Oberland Mangold wird Stand heute Mitte Februar die ersten SCR-Hardware Nachrüstsysteme NeoPlus ausliefern. Diese Systeme sind für VW-Motoren gedacht. Von Twintec/Baumot liegen leider noch keine Angaben vor.“ Und auch für Mercedesautohäuser gelte: „Ein Drittel der Anfragen bezieht sich auf Fahrzeuge, für die noch keine Nachrüstsätze lieferbar sind.“

Das hängt nicht nur mit den Herstellern zusammen, sondern auch damit, wie die Regierung seit 2015 mit dem Thema umgeht, sagt Torsten Treiber. Die Innung hat über die Jahre hinweg bei Land und Bund eine staatliche Nachrüstprämie für alle Diesel gefordert, „weil es um Luftreinhaltung generell ging und nicht nur um die Bestrafung der Schummeldieselproduzenten.“ Autohersteller hätten generell kein Interesse an Nachrüstung: „Die wollen Autos verkaufen, das kann man ihnen nicht verübeln.“ Die Kunden hingegen, vor allem die Privatkunden, hätte ein Interesse daran ihre Autos möglichst lange zu fahren („Politdeutsch: nachhaltig“).

Derzeit herrscht folgende Situation, sagt Torsten Treiber: „Die Nachrüstung ist auf 15 Intensivstädte aus dem Jahr 2018 beschränkt, wobei auch anliegende Landkreise und Pendler einbezogen sind.“ Das sei zu kompliziert und nicht effektiv genug, weil die Nachrüsthersteller zu hohes Risiko gehen müssten: „Wir brauchen eine flächendeckende Nachrüstung inklusive einer staatlichen Nachrüstprämie, weil nur so sichergestellt werden kann, dass Nachrüstsätze nicht nur für Volumenmodelle angeboten werden, sondern auch für Motoren, die in kleinerer Stückzahl gefertigt wurden. Momentan rechnet sich das für die Nachrüsthersteller nicht. Dass eine staatliche Förderung möglich ist, zeigt das Vorgehen der Regierung bei der Nachrüstung von Nutzfahrzeugen. Hier können Betriebe bis zu 3.600 Euro für die Umrüstung ihres Diesels bekommen. Bei Fahrzeugen mit einem Gewicht von 3,5 bis 7,5 Tonnen beträgt die mögliche Förderung sogar 4.800 Euro. Das lässt sich doch problemlos auf die Pkw-Fahrenden übertragen, wenn die Regierung will. Am Geld kann‘s ja derzeit nicht liegen.“

Bei der Durchsetzung dieser Forderung hätte die Deutsche Umwelthilfe ein lohnendes Betätigungsfeld, wenn sie der Umwelt helfen und nicht nur mit Fahrverboten Schlagzeilen machen wolle: „Sprüche von Zwangshaft, wenn sich O-Ton DUH ‚… diese ganz offensichtlich von den Dieselkonzernen ferngesteuerte grün-schwarze Landesregierung … weigert, ein zonales Euro 5 Diesel-Fahrverbot für das gesamte Stuttgarter Stadtgebiet festzuschreiben‘, lassen mich aber daran zweifeln, dass wir hier einen Verbündeten finden“, sagt Obermeister Torsten Treiber: „Wir fordern seit Jahren die Nachrüstung aller Euro-5-Diesel durch den Staat zu fördern und dann von den Herstellern, die illegal gehandelt haben, das Geld wieder zu holen. Dann bezuschusst der Staat alle nachrüstenden Dieselbesitzenden und wenn’s ein Betrugsdiesel war, ersetzt der betroffene Konzern der Staatskasse die 3.000 Euro Nachrüstzuschuss. Das wäre ein logisches Vorgehen.“


 
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